Versicherungsrecht

Stichwort: Kaskoschaden
Speziell : Wild ausweichen
Begeht ein Versicherungsnehmer bei dem Versuch, einem auf der Fahrbahn auftauchenden Haarwild (Anm.: siehe Fall VI. 1. 2. ) (hier : zwei Hasen ) auszuweichen einen Fehler der nicht grob fahrlässig zu bewerten ist, so muß die Versicherung den am Pkw entstandenen Schaden ersetzen.

Sachverhalt : Der Kläger fuhr auf einer Landstraße. Plötzlich liefen zwei ausgewachsene Hasen von rechts auf die Fahrbahn. Der Pkw des Klägers befand sich zu diesem Zeitpunkt ca. 3 m vor einer dort befindlichen Brücke. Es herrschte Gegenverkehr. Der Kläger lenkte nach rechts, stieß gegen das Brückenpodest und anschließend gegen die Leitplanke. Das Fahrzeug wurde erheblich beschädigt.

Entscheidungsgründe : Die Versicherung ist zum Schadensersatz verpflichtet. Der Schaden ist infolge einer Rettungshandlung entstanden, um einen Zusammenstoß mit Haarwild ( § 2 I Nr.1 BJagdG) zu vermeiden ( SSSS 62,63 VVG = Versicherungsvertragsgesetz) .

Das Ausweichmanöver war Rettungshandlung i.S.v. § 62 VVG. Es diente nämlich dem Zweck, einen Zusammenstoß mit den Hasen zu vermeiden. Nach der neuesten Rechtsprechung des BGH ( BGH, NJW'91, 1609 ) ist eine Rettungspflicht gem. § 62 VVG bereits dann anzunehmen, wenn der Versicherungsfall (Anm.: Zusammenstoß mit Wild) unmittelbar bevorsteht. Die früher umstrittene Frage, ob die Rettungspflicht des Versicherungsnehmers zur Voraussetzung hat, daß der Versicherungsfall bereits eingetreten sein muß, ist damit hinfällig.

Es ist zwar richtig, daß der Pkw geringer beschädigt worden wäre, wenn der Kläger die Hasen einfach überfahren hätte. Der Kläger hat falsch reagiert und dadurch sehr hohe Unfallkosten verursacht. Dieses Fehlverhalten war jedoch nicht grob fahrlässig, so daß die Versicherung ersatzpflichtig ist. Grobe Fahrlässigkeit liegt nur dann vor, wenn die erforderliche Sorgfalt in besonders schwerem Maße verletzt wurde. Dieses hat der Kläger nicht getan. Seine Reaktion auf das plötzliche Auftauchen zweier Hasen auf der Fahrbahn ist nachvollziehbar und verständlich, folglich also nicht grob verkehrswidrig und damit nicht grob fahrlässig.

Auch die Tatsache, daß es sich vorliegend um eine Schreckreaktion gehandelt hat, steht der Wertung " Rettungshandlung " nicht entgegen. Das Vorbeilenken an den Hasen sollte einen Zusammenstoß mit den Tieren und den daraus resultierenden Schaden vermeiden.

OLG Nürnberg, 8 U 2451 / 92, VersR'93, 1476 ff

OLG München, 10 U 5568 / 92, VersR'94, 928 ff


Zurück zum INHALTSVERZEICHNIS Zum BEGINN des Dokuments